Die andere Fastenzeit

Wir stehen mitten in den 40 Tagen der Fastenzeit. Seit Jahren wissen wir, dass dies eine Zeit der Enthaltung und Zurückhaltung ist. Eine geschenkte Zeit zum Innehalten und still werden. Eine Zeit der inneren und manchmal äußeren Reinigung. Eine Zeit, wieder mehr Zeit für Gott, mich und den Nächsten zu haben. Doch haben wir diese Zeit wirklich so genutzt? Haben wir nicht oft diese Zeit gefüllt mit noch mehr Terminen als sonst, mit noch mehr Besinnungs(losen) Zeiten, mit noch mehr Impulsen und Eindrücken?
Dieses Jahr ist alles anders. Corona beeinflusst unser Leben – auch wenn wir vielleicht nicht infiziert sind. Wir sind zum Stillstand gezwungen – durch das Virus und durch die Vorsichtsmaßnahmen des Staates und der Vernunft.
Wissen Sie, dass es eine Heilige Corona gegeben hat? Sie lebte im 2. oder 3. Jahrhundert und war nach den Legenden die Frau des Märtyrers Victor. Im Alter von erst 16 Jahren starb sie ebenfalls den Martertod, indem sie mit zwei gebeugten Palmen beim Emporschnellen zerrissen wurde. Wie oft erlebe ich Menschen, die sich vorkommen als wären sie zwischen zwei Palmen gespannt. „Es zerreißt mich“ heißt es dann. Gemeint ist oft die Spannung zwischen Arbeit und Familie/Freizeit. Eine Spannung, die gerade in geprägten Zeiten wie der Fastenzeit oder der Adventszeit überhandnimmt. Zeiten, die ja eigentlich (im Sinne von „in dem ihnen eigenen Sinn“) eine Zeit der Stille und des Bereitens sein sollen.
Immer wieder ist in diesen Tagen zu hören, dass es vielleicht einmal so weit kommen musste, dass der Mensch merkt, dass alles Geld, Wissen und technisches Vermögen nicht reicht, um wirklich sicher zu sein. Der Mensch musste spüren, dass er nicht alles in seiner Hand hat und die ganze Welt letztlich auch ausgeliefert sein kann – einem Virus, einer unsichtbaren Gefahr, gegen die das richtige Kraut noch nicht gefunden ist. Die Genugtuung, die hinter solchen Aussagen zu hören ist, weicht einer Erkenntnis, die im Buch Kohelet beschrieben ist: alles ist Windhauch und Luftgespinst.
Nun leben wir mit einer Vollbremsung. Es kracht an ein paar Ecken, aber die Vollbremsung kann unser aller Leben retten. Und der darauffolgende Stillstand kann die Chance bergen, dass unsere Gesellschaft lernt, was wirklich wichtig und Not-wendend ist. Und dass wir uns wieder auf Gott besinnen, unsere Sinne schulen für das Wesentliche. Dass wir uns wieder freuen können, an den Selbstverständlichkeiten, auf die wir jetzt verzichten müssen – ganz im Sinne der Fastenzeit: verzichten um es nachher umso mehr genießen und wertschätzen zu können.
Wenden wir unser altes Wissen über die Fastenzeit an. Nutzen wir diese besondere Zeit zum Innehalten, denn nur wenn wir einen Innenhalt haben, haben wir auch genug Kraft gegen alle Unhaltbarkeiten dieser Welt.
Übrigens ist die Heilige Corona die Patronin unter anderem gegen Seuchen.

Sr. Katharina Horn

 

"Wenn es dir gut tut, dann komm!"

(Franz von Assisi)