800 Jahre Franz von Assisi
Tod des Hl. Franziskus. Fresko in der Kapelle des Mutterhauses Vierzehnheiligen.
In diesem Jahr feiern wir das 800jährige Jubiläum des hl. Franziskus. Er starb am Vorabend des 4. Oktober 1226 in der Kapelle Portiunkula bei Assisi. Dieser Anlass gibt auch Gelegenheit, darüber nachzudenken, was der hl. Franziskus für uns bedeutet.
Freund der Armut
Drei Begriffe, die ich mit dem hl. Franziskus verbinde, sind Armut, Geschwisterlichkeit und Frieden. Die Armut hat er nicht immer geliebt, ganz im Gegenteil. Franz von Assisi gehörte zur gehobenen Bürgerschicht. Sein Vater war Tuchhändler und tat alles, um aus ihm einen guten Kaufmann zu machen. Und Franziskus hatte fest vor, in dessen Fußstapfen zu treten. Denn er träumte von Reichtum, Ehre und Macht. Schon als junger Mann feierte er mit seinen Freunden große Feste, nahm an einem Kriegszug teil, um ein ehrbarer Ritter zu werden. Doch all dies fand ein jähes Ende, als er verwundet wurde und in Gefangenschaft geriet. In Einsamkeit und Stille wurde ihm bewusst, dass seine Sehnsucht nach einem erfüllten Leben nur von Gott gestillt werden kann, dass Er sein Reichtum, sein Glück, seine Freude ist. Eine weitere bedeutende Erfahrung war die Begegnung mit einem Aussätzigen. Als er all seinen Ekel überwand und ihn umarmte, veränderte dies sein Leben und seine Beziehung zu allen kranken und verachteten Menschen: Er konnte in ihnen Christus entdecken. Von nun führte er ein Leben in Einfachheit und Armut, verbunden mit der Gesinnung der Ehrfurcht und Demut gegenüber der ganzen Schöpfung.
Was kann das für uns bedeuten? Es kann uns zu einem Leben in Dankbarkeit verhelfen, dass wir alles, was wir haben, einschließlich unserer Talente und Fähigkeiten, als Geschenk Gottes erkennen. Es kann uns zur Demut und Bescheidenheit führen und zu einer offenen Begegnung mit armen und leidenden Menschen, aber auch einfach mit jenen, die auf ein Wort des Trostes und der Ermutigung warten. Nicht die Stellung in unserer Gesellschaft ist entscheidend, sondern allein unsere Gesinnung; dass wir uns als Geliebte Gottes begreifen und handeln.
Geschwisterliche Verbundenheit mit der ganzen Schöfpfung
Damit kommen wir zum nächsten Begriff, der Geschwisterlichkeit. Wir alle sind Brüder und Schwester, und zugleich unzertrennbar verbunden mit der ganzen Schöpfung. Diesen Gedanken der Geschwisterlichkeit untereinander wie auch mit allen weiteren Geschöpfen, hat Papst Franziskus gleich zu zwei Enzykliken inspiriert: der Enzyklika Laudato si` (24.05.2015) und Fratelli tutti (04.10.2020).
Franz von Assisi bezeichnete die Sonne als Bruder, den Mond als Schwester und die Erde als Mutter. In seinem einzigartigen Lobpreisgebet, dem Sonnengesang, lobte er Gott für die ganze Schöpfung und begegnete ihr mit großer Ehrfurcht. Dieser Aspekt ist für uns heute von besonderer Bedeutung, in einer Zeit, in der die Schöpfung immer mehr ausgebeutet wird. Wir sind für sie verantwortlich und sollten daher gut und liebevoll mit ihr umgehen und so ihren Erhalt für die künftigen Generationen sichern.
Pace e bene“ (Frieden und Heil), so grüßte Franziskus die Menschen; es war sein Wunsch für alle Menschen. „Pace e bene“, dieser Gruß ist heute noch in der franziskanischen Spiritualität verankert. Jedem Menschen möge Frieden und Heil zuteilwerden und damit ein Leben in Harmonie mit Gott, mit allen Schwestern und Brüder, mit sich selbst und der ganzen Schöpfung.
Frieden und Dialog
Damit sind wir beim Thema Frieden, das dem hl. Franziskus ein Herzensanliegen war. Ihm war bewusst, dass Frieden nicht allein mit menschlichen Kräften erreichbar ist, sondern letztlich ein Geschenk Gottes ist. Wie sehr wünschen wir uns gerade in unserer Zeit Frieden. Franziskus betete auch in seinem Sonnengesang um den Frieden: „Gelobt seist du Herr für jene, die verzeihen und selig die in Frieden ausharren“. Franziskus setzte auf Dialog mit gegenseitigem Respekt im Umgang mit Andersgläubigen. Er hätte nie gewollt, dass Menschen zum christlichen Glauben gezwungen werden, wie die Kreuzfahrer es zu seiner Zeit praktizierten. Franziskus lehnte jede Form von Gewalt ab. Als er die Gelegenheit bekam, vor dem Sultan Al-Kamir über den Glauben zu reden, war dieser tief beeindruckt von der Begegnung mit Franziskus und dessen authentischen Glaubenszeugnisses, wenn er sich auch nicht bekehren ließ.
Inspiration für unseren Alltag
Zusammenfassend kann man sagen: Auch in unserer Zeit kann uns Franz von Assisi zu einem tieferen Glauben, verbunden mit Liebe und Demut zu allen Schwestern und Brüdern und allen Geschöpfen, inspirieren und zur Erneuerung der Kirche. Kraft schöpfen dürfen wir in den Gottesdiensten sowie im persönlichen Gebet. Doch Gott lässt sich auch erfahren in unserem gewöhnlichen Lebensalltag, in jeder Begegnung, im leidenden Menschen, in Menschen ohne Ansehen, Reichtum, Ehre, Macht und überall in der Schöpfung.
In einer Zeit, wo Krieg und Hass auf unserer Welt so verbreitet ist, kann das Gebet, das Papst Leo der franziskanischen Familie ans Herz gelegt hat, vielleicht auch für uns wichtig werden:
„Heiliger Franziskus, du hast im Kruzifix von San Damiano den wahren Frieden erkannt. Lehre uns, in Ihm die Quelle jeder Versöhnung zu suchen, die jede Mauer niederreißt. Du, der du unbewaffnet die Linien des Krieges und des Unverständnisses überschritten hast, schenke uns den Mut, Brücken zu bauen, wo die Welt Grenzen errichtet. In dieser von Konflikten und Spaltungen geplagten Zeit bitte für uns, dass wir zu Werkzeugen des Friedens werden: unbewaffnete und entwaffnende Zeugen des Friedens, der von Christus kommt. Amen.“
Sr. Verena Haase
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