Maria erzählt …

… es liegt Jahrzehnte zurück - doch jenen Tag vergesse ich nie!
Ich war sehr jung damals, geborgen in meiner Familie, verlobt mit Josef. Mein Leben schien geregelt. Ich freute mich auf die Hochzeit, träumte von meiner Zukunft mit Josef, von einer Familie mit vielen Kindern – und vertraute JAHWE, der mein Leben in festen Bahnen lenkt und dessen Kommen unser ganzes Volk so sehr ersehnte.

Dann brach ER ein. Unvermutet, mit Wucht. Alles Bisherige wankte, mein Bild von der Zukunft zerriss - und ich erschrak bis ins Mark. Im ersten Moment wollte fliehen, weit weg. Die Worte, die ich hörte, rüttelten an allem, was mir lieb und vertraut war. Jedes Wort weiß ich noch: „Sei gegrüßt, Begnadete, der Herr ist mit dir…“ und: „Fürchte dich nicht… du hast Gnade gefunden bei Gott“ … und dann kam die Ankündigung, dass ich schwanger werden und einen Sohn gebären soll - den Messias! Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben und es brach aus mir heraus: „Wie soll das denn geschehen? Ich bin doch mit Josef noch gar nicht zusammen!“

Und wieder die Stimme, kristallklar: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten…“
Die Kraft des Höchsten … überschatten – ich hört nur „überschatten,“ und mir schwindelte … Josef … was sollte ich ihm sagen? Wie sollte ich das erklären? Die Verwandten – was kommt auf mich zu? Die werden mich steinigen! Verzweiflung packte mich. „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten…“ Was bedeutet das?

Dann wuchs ein leises Ahnen … ein Ahnen, dass es jetzt nicht um mich geht … da war etwas unfassbar göttlich Großes … und ich fühlte:  Es geht um unser ganzes Volk! Und ich, ich darf mitwirken! Das Sehnen Israels findet Antwort – wenn ich JA sage! Und dann formten sich Worte im Herzen, langsam, in unendlicher Tiefe: „Ich bin bereit für den Herrn – es geschehe, was du gesagt hast.“

Glaub nicht, dass damit alle Ängste verschwunden gewesen wären. Mir war elend, ein paar Tage lang. Am liebsten hätte ich mein Wort zurückgenommen. Josef … was nur sollte ich ihm sagen? Werde ich ihn verlieren? Mit wem könnte ich denn darüber reden?

Da fiel mir Elisabeth ein, meine Cousine – in hohem Alter schwanger im sechsten Monat – auch wundersam, von Gott berührt - sie wird verstehen, mit ihr würde ich Unsagbares teilen können! Und ich ging los. Im tagelangen Gehen über die Berge wurde die Angst kleiner, Schritt für Schritt – und es sang in meiner Seele …  

 

Sr. Martina Selmaier

"Wenn es dir gut tut, dann komm!"

(Franz von Assisi)